HJ LIM Kritik

Das Phänomen HJ LIM

(HJ LIM polarisiert und provoziert die Musikwelt)

Die Gesamteinspielung der Beethovensonaten, welche die südkoreanische, 1988 geborene und bereits mit zwölf Jahren in die Hochbegabtenklasse von Henri Barda in Paris aufgenommene Pianistin HYUN JUNG LIM  = (HJ LIM) als 23 jährige innerhalb einer Woche an acht Abenden in Paris live aufgeführt und wenig später bei der EMI im Studio an einem großen Yamaha Konzertflügel eingespielt hatte, hat die Welt der journalistischen Alles – und Besserwisser aufgewühlt und polarisiert.                                                                                                                         Das Spektrum der internationalen Kritiken spaltet die Musikkritiker in zwei konträre Parteien, in Vertreter ehrlicher Begeisterung wie z. B. DOMINY CLEMENTS  oder Repräsentanten grobschlächtiger, beleidigender und diffamierender Verachtung, wie z.B. MATHIAS KORNEMANN vom Rondo Klassik Magazin. Nun lebt die klassische Klavierwelt freilich vom Zusammentreffen unterschiedlichster Auffassungen, ohne welche die Musikwelt um einiges unvielseitiger und spannungsloser wäre. Nun wird allerdings ewig debattiert, wer wohl den heiligen Gral der Erkenntnis bezüglich einer möglichst authentischen, dem Komponisten am ehesten vorgeschwebten Interpretation erreicht hat :

Was meinte der Komponist? Wie war die Wirkung seines Werkes auf die Zeitgenossen? Wie würde der Komponist wohl heute gemäß des  Widerspiegelungprinzips seine Werke gerne hören? Darf man den Komponisten überhaupt immer ernst nehmen?

Wer vermag das schon zu sagen? Welcher Pianist ist und war der größte Beethoveninterpret?

Wir sollten uns vielleicht erst einmal vom Subjektiven freimachen und uns auf die objektiven Fakten beschränken!

Man kann sich HJ LIM in Proskynese nähern oder sie kompromisslos verdammen, mag ihre Gesamteinspielung als Beethovenrauschdroge benutzen oder ihre CDs wie MATHIAS KORNEMANN blasphemisch im Mülleimer entsorgen!

Eins steht jedoch fest!

HJ LIM, welche in Klavierabenden sowohl alle Chopin- oder Rachmaninowetüden  vor der Pause und anschließend die Hammenklaviersonate Beethovens technisch überragend gemäß der Metronomangaben der Komponisten gespielt hat, ist gegenwärtig wohl eine der begabtesten, revolutionärsten, spontansten, natürlichsten und technisch brilliantesten Phänomene der jungen Pianistenszene, welche zudem ihre Gesamteinspielung viel früher als geplant veröffentlicht hat. Normalerweise verlaufen  solche Versprechungen  ja eher  umgekehrt, wobei LIMs bisherige Leistung für die meisten Pianisten wohl unerreichbar bleiben dürfte. Beim Anhören ihrer Gesamteinspielung werden dem Hörer zwischen offensichtlichem Schock und Faszination auch noch so manche Unzulänglichkeiten einiger verstorbener und lebender Beethovenianer  schmerzlich bewusst. (z.B. Kempff, Brendel u. a.), deren eingeengte,

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biedere und brave Einspielungen man plötzlich nicht mehr für voll nehmen kann. Beethoven selbst war nun mal kein Biedermann, sondern ein Revolutionär, und als moderner Mensch empfinde ich tatsächlich bei HJ LIM den Schock mit, den Zeitgenossen vor 200 Jahren mit denselben Werken gehabt haben müssen. Auch Sonaten, welche mancher Zuhörer selbst gespielt haben mag,  samt ihrer langsamen   Sätze, klingen plötzlich unglaublich frisch und klar ohne treubraven, akademisch und staubtrockenen Beigeschmack.  So klingt LIMs Version des langsamen Satzes der Hammerklaviersonate gemäß der Beethovenmetronombezeichnung in 13 statt 20 Minuten zusammenhängender und verständlicher, ohne den meditativen Charakter des Stückes zu zerstören. Nun genoss unter den zahlreichen Gesamteinspielungen des „Neuen Testaments der Klaviermusik“ (Hans von Bülow) von SCHNABEL, KEMPFF, BACKHAUS, BARENBOIM, RICHTER, ZECHLIN,GULDA, ARRAU,BRENDEL u.a.  vor Allem der Einspielzyklus von FRIEDRICH GULDA unter Musikstudenten der 70er und 80er Jahre  einen Non Plus Ultra Status, da RICHTER leider trotz seiner übermenschlichen und mitreißenden frühen und mittleren Sonatenaufführungen leider ein nicht technisches sondern eher mentales Problem mit den späten Beethovensonaten zu haben schien, weil er nach den Worten von  HANS JOACHIM KAISER „die späten Sonaten als bloße Versatzstücke“ betrachtete. Dies gehört kurioserweise zu den großen Paradoxien dieser gewaltigen Pianistenlegende. Somit ist HJ LIM mit ihrer Geamteinspielung wohl am ehesten mit FRIEDRICH GULDA in Zusammenhang zu bringen, wobei sie dessen gelegentliche Kälte auch in Prestissimopassagen  mit magischen Emotionen auszufüllen vermag, ohne technische Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Bei der Hammerklaviersonate sollte man GULDAs und LIMs nicht mehr zu überbietende Aufnahmen hintereinander hören. Bei der Appassionata bieten sich RICHTER, GULDA und LIM als gleichberechtigte Alternativen an. Vielleicht gelingt es LIM den Schlusssatz von op. 57 trotz Wahnsinnstempo noch ein wenig diabolischer zu gestalten. Ihre Hammerklavierversion ist jedenfalls nicht mehr zu überbieten. Äußerst interessant, erst – und einmalig ist LIMs Idee, die beiden Fugen im dritten Satz der vorletzten Sonate op. 110 in As- Dur unaufdringlich leise und rasch einzusetzen. Der Zuhörer fühlt sich plötzlich quasi in ein verwunschenes und wundersames Bachelysium versetzt. Es findet eine Brücke zwischen „Altem“ und „Neuem Testament“ statt. Alles wirkt  übernatürlich, spontan, und steigert sich in einen ätherischen Rausch bis zur Schlusscoda. Auffällig ist, dass LIM  im gesamten Zyklus alle langsamen Sätze instinktiv, intuitiv im passenden Tempo, mit überzeugender Phrasierung und Dynamik in ihrer Gesamtheit erfasst, nicht unnötig herumtrödelt aber auch nicht hetzt, nicht in Zeitlupe herumsäuselt wie eine gewisse georgische junge Pianistin. LIM spielt eigentlich jede Sonate so, wie sie jeder Zuhörer gerne spielen würde, wenn er es nur könnte. Der mit  Humor gesegnete FRIEDRICH GULDA war sich übrigens seines überragenden Könnens gegenüber technisch weniger begabten Pianisten durchaus bewusst, indem er über Alfred Brendel spöttelte:“ Der arme Hund, gegen mich ist er immer abgesunken!“Leider sind GULDA und RICHTER längst verschieden und für uns nicht mehr in weiteren Livekonzerten anzuhören. Aber wie durch ein Wunder ist der Welt eine trotz ihrer Angefochtenheit bedeutende, bemerkenswerte, schwarzgewandete junge Pianistin geschenkt worden, welcher es immerhin gelungen ist, Beethovens Sonatenwerk jedem halbwegs  kultivierten jungen oder alten Freund großer Musik als aufrüttelndes, außergewöhnliches Musikgenie abseits von Betulichkeit, Langweile und spießig-bräsiger Behäbigkeit zu vermitteln. Den Musikphilistern, welchen in Ermangelung  durchschlagender Argumente ihr dann auch noch die frevlerische Nichteinspielung von op.49/1 und op.49/2 vorwerfen wollen, sei zum Abschluss wie von einem ihr gratulierenden Beethoven zugerufen:“ Die drei Kürfürstensonaten hast Du Gott sei Dank auch weggelassen! (HANS ULRICH BEHNER)